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Hiroshima, Miyajima, Kyoto

Hiroshima

Heute Abend musste ich mit dem Tram kurz zum Bahnhof Hiroshima fahren, um einen Platz in der Shinkansen für morgen zu reservieren. Morgen um die Mittagsstunde verlasse ich Hiroshima und fahre nach Kyoto, gleichsam die letzte Station meiner Reise. Zum Hotel zurück bin ich gelaufen. Ein wunderschön scheinender Mond hing über der Skyline von Hiroshima und lud zu einem Abendspaziergang ein. Der Weg führte zunächst direkt ins Zentrum der Stadt, wo Hiroshima ihr modernes Gesicht zeigt, mit den üblichen Rieseneinkaufsläden, Pachinko Läden usw. Schon bald aber kam ich zu der Stelle, wo vor mehr als 60 Jahren etwas bis dahin noch nie da gewesenes passierte, ja ein neues Zeitalter eingeläutet wurde. Am 6. August 1945 am morgen um 08:15, warf ein amerikanischer Grossbomber mit dem Namen „Enola Gay“ eine 3 Meter lange und 4 Tonne schwere Uran Atombombe über die Stadt Hiroshima ab. Als Grobziel für die Piloten galt die Aioi Brücke, die mit ihrer auffallenden T- Form aus der Luft
gut sichtbar war. Und hier stand ich heute Abend, auf der rekonstruierten Aioi Brücke, das offizielle Ziel für die „Little Boy“ (so nannten die Amerikaner die Atombombe.) Heute fahren Autos und Tramzüge wieder hin und her. Kaum vorstellbar, welche Tragödie sich hier vor 60 Jahre abspielte. Die Bombe explodierte rund 600 Meter über diese Brücke. Zunächst entwickelte sich ein Feuerball, der die Temperatur am Boden im nahen Umkreis um 3000 Grad Celsius ansteigen liess. Es folgte eine gewaltige Druckwelle, und der Himmel über Hiroshima wurde in einer grauen Wolke aus radioaktiven Staub und Trümmerteilen gehüllt. Im Umkreis von 3 Kilometern vom Explosionszentrum war die Sterberate 100%. Die Menschen „verpufften“ regelrecht bei dieser gewaltigen Explosion. Der Zerstörungsradius der Bombe reichte mehrere Kilometer. Ein Grossteil der Menschen verbrannte, davon starben einige sofort, einige erlitten einen qualvollen Tod. Alle Menschen, die sich im Umkreis der Bombe befanden
, wurden von starker radioaktiver Strahlung angegriffen. Diese Strahlung liess auch Jahre nach der Explosion Krankheiten ausbrechen, mit denen keiner gerechnet hatte. Die Bombe tötete nicht nur am 6. August, sondern forderte auch noch Jahre danach ihre Opfer. Insgesamt kamen durch die Bombe mehr als 200'000 Menschen ums Leben. Als erste und bisher einzige Nation musste Japan eine Atombombe verkraften. Die Stadt Hiroshima wurde wieder aufgebaut, die Zuversicht der Stadtbewohner und die Lebensfreude sind zurückgekehrt. Jedes Jahr am 6. August findet in Hiroshima, begleitet von viel Prominenz, ein grosser Gedenkakt statt, der an die Opfer erinnert. Dabei liest der Bürgermeister von Hiroshima die „Friedensdeklaration“ vor. Sie beginnt folgendermassen: „That fateful summer, 8:15. The roar of a B-29 breaks the morning calm. A parachute opens in the blue sky. Then suddenly, a flash, an enormous blast- silence- hell on earth.”

Hiroshima ist zur Stadt des Friedens geworden. Unzählige Denkmäler, die von Einzelpersonen, oder auch von Institutionen gesponsert wurden, sind liebevoll und unauffällig in die Stadtstruktur integriert. Es gibt z.B. eine Strasse, die „Peace Boulevard“ heisst. Am Strassenrand steht z.B. eine abstrakte Steinskulptur, die zwei Hände, die betend gen Himmel zeigen, darstellt. Der erklärende Text liest sich ungefähr so: An all die Ärzte, Krankenschwestern, Medizinstudenten und allen Rettungskräften gewidmet, die am Tag der Explosion unermüdlich und meistens nur mit blossen Händen, den Opfer Hilfe und Unterstützung gebracht haben.

Unverzüglich kommt mir dabei die Geschichte von Dr. Nagai in den Kopf, der als Arzt in der Hölle von Nagasaki medizinische Hilfe geleistet hat, bis er vor Erschöpfung zusammenbrach und bettlägerig wurde. Später starb er an Leukämie.

Es gäbe unzählige Geschichten von einzelnen Schicksalen zu erzählen, die u.a. im Friedensmuseum in Hiroshima der Welt erzählt werden. Ich möchte eine davon, eine sehr bewegende, aufgreifen: die Geschichte des kleinen Mädchens Sadako Sasaki. Als die Bombe explodierte, war sie nur zwei Jahre alt. Scheinbar unbeschadet durchlief das Mädchen zunächst eine normale kindliche Entwicklung, bis sie eines Tages zusammenbrach. Im Krankenhaus wurde ihr Leukämie, Blutkrebs, diagnostiziert, verursacht von der radioaktiven Strahlung der Bombe. Daraufhin wurde sie hospitalisiert. Die Ärzte gaben ihr nur noch eine kurze Lebenszeit. Von einer Kollegin soll sie die Geschichte gehört haben, dass, wenn man 1000 Kraniche aus Papier falten würde, und mit jedem Kranich einen Wunsch äussern würde, werde dieser mit 1000 gefalteten Kranichen wahr. Sie begann also Kraniche zu falten, und wünschte sich natürlich bei jedem Kranich, dass sie wieder gesund werde. Das Mädchen hatte mehr als 1000 Pap
ierkraniche gefaltet, trotzdem starb sie 25. Oktober 1955 im Spital von Hiroshima. Seither sind Papierkraniche zum Symbol des Friedens und der Anti- Atombomben Kampagnen geworden. Im Friedenspark von Hiroshima steht das Denkmal für alle getöteten Kinder, das auf Initiaitve von Sadakos Klassenkameraden errichtet wurde. Hinter dem Denkmal stehen Glaskasten, in denen tausende von Papierkranichen aufbewahrt werden. Kinder aus der ganzen Welt schicken ihre Papierkraniche zu diesem Denkmal um ihre Anteilnahme zu zeigen und um den Unschuldigsten von Allen zu gedenken.

Miyajima

Man darf Japan nicht verlassen, ohne auf Miyajima gewesen zu sein. Miyajima heisst eine Insel südlich von Hiroshima, die in 2o Minuten mit einem Schnellboot erreichbar ist. Man darf Miyajima ruhig als eine Trauminsel bezeichnen: Eine kleine, grüne Insel, auf der die Natur, und nicht der Mensch das Sagen hat. Die ruhige, besinnliche, ja fast schon spirituelle Atmosphäre beeindruckt jeden, der diese Insel betritt. Hier geht das Leben in ruhigen Schritten. Die Insel ist zwar bewohnt, es hat eine Stadtverwaltung, Poststellen usw. Wichtigste Einnahmequelle ist aber der Tourismus. Für die gibt es zwei grosse Strassen mit Souvenierläden und Restaurants. Und es gibt eine herrliche Natur, mit Wandermöglichkeiten und Tempel besuchen, die inmitten dieser Natur stehen. Hier kann der Shintoismus, die alte japanische Naturreligion, ihr echtes Gesicht zeigen. Eine Form des Respektes gegenüber der Natur ist, sie einfach so zu lassen, wie sie ist. Und genau das, so mein Gefühl, versucht man
auf Miyajima. Klar gibt es Gebäude und Tourismus, jedoch in einem übersichtlichen Rahmen. Ich habe auf Miyajima einige Kilometer zurückgelegt; habe den Tempel und Schrein von Kobo Daishi (Daisho in Tempel), den Begründer des Shingon Buddhismus (eine esoterische Lehre des Buddhismus), habe den Itsukushima Schrein besucht, der zu den wichtigsten in ganz Japan zählt und bin schliesslich über einen Wanderweg quasi um die ganze Insel gewandert, die eben gar nicht so gross ist. Überwältigt von der Schönheit und der unbeschreiblichen Atmosphäre dieser „Insel der Götter“, wie sie auch genannt wird, sass ich schliesslich vor einer grossen, fünfstöckigen Pagode und genoss das Dasein. Immer wieder blicke ich nach Hiroshima, versuche mir vorzustellen, wie es dort vor 60 Jahre ausgesehen haben muss. Der Besuch von Miyajima war Erholung für Körper und Geist gleichermassen.

Kyoto

Tokyo ist die politische Hauptstadt Japans, die kulturelle Hauptstadt ist zweifelsohne Kyoto. Schauen wir in die Geschichtsbücher, so können wir lesen, dass Kyoto auch mal politische Hauptstadt war. In der Hochblüte der Stadt wurden unzählige Tempel und Schreine errichtet. Viele brannten nieder, wurden aber wieder und wieder aufgebaut. Der Zen Buddhismus konzentrierte sich lange Zeit auf Kyoto, hier wurden die Haupttempel einiger Schulen errichtet. Viele davon sind klassifiziert als „Nationale Schätze“ und einige gehören zum UNESCO Weltkulturerbe.

Die ersten Tage in Kyoto erwiesen sich als ziemlich mühsame. Die schönsten Tempel liegen relativ weit auseinander, sind meistens nur durch mühsames Erklimmen von vielen Treppenstufen zu erreichen, weil sie auf Hügeln oder im Wald stehen. Dies wäre bei „normalen“ Temperaturen nicht erwähnenswert. Leider ist es aber zurzeit unglaublich heiss in Kyoto. Wenn man vom frühen Morgen bis zu den Abendstunden unterwegs ist, macht einem die Hitze fast wahnsinnig. Hinzu kommen Schwierigkeiten, die Orte zu finden, denn hier ist praktisch alles nur auf Japanisch geschrieben: Irrwege sind also inklusiv. Aber nichtsdestotrotz habe ich mir vorgenommen, so viel wie möglich anzuschauen, aber nicht nach dem Motto: „du musst alles gesehen haben“, sondern mehr nach dem Motto „weniger ist manchmal mehr“. In Kyoto stehen einige der wichtigsten Zen Tempeln Japans. Und ein Zen Tempel will in Ruhe betrachtet, und nicht im Schnelldurchlauf beschnuppert werden.

Mittwoch: Eines der berühmtesten und schönsten ist der Kiyomizudera Tempel, der abgeschieden an einem bewaldeten Hügel gebaut wurde und umgeben von Kirschbäumen, eine Schönheit für sich ist. Dieser Tempel wurde im Jahre 778 v. Chr. erbaut und u.a. Kannon, dem Gott des Mitgefühls gewidmet.

In der Nähe befindet sich die grosse Ryozen Kannon Statue, die 24 Meter hoch ist. Überhaupt muss die Gottheit Kannon eine wichtige Rolle für die Japaner spielen, weil viele grosse und wichtige Tempel dieser Gottheit gewidmet sind. (vgl. z.B. auch Kamakura u.a.)

Am Donnerstag habe ich einen Tempelfreien Tag genossen, mit Kaffee trinken und Bücher lesen im Ryokan. Ich bin im alten Ryokan Murasaki in Gion untergebracht. Gion (ausgesprochen mit dem deutschen „Gi“ und nicht mit dem romanischen) ist das traditionelle Viertel Kyotos. Hier gibt es keine modernen Bauten. Gion bietet eine Zeitreise, zurück zu den alten Zeiten Kyotos. Ab und zu bekommt man eine Maiko Tänzerin zu Gesicht. Edle Restaurants haben sich in die eng aufeinander gebauten Holzhäuser eingemietet, Steak house usw., allesamt saftig teure Vergnügen. Vor einem Restaurant steht z.B.: “Steak House, 100$ and up. No just looking, only drink!” Ziemlich klar, für welche Kundschaft geworben wird...
An der Shijo dori, die an Gion vorbei zieht, sind dafür alle Besucher willkommen. Mit ihren vielen Souvenirshops, traditionelle japanische Läden, japanische Restaurants und modern Einkaufszentren biete diese Strasse charmante Unterhaltung bis spät in die Nacht.

Am Freitag dann ein schönes Programm: Am frühen morgen mit dem Bus zum Kinkaku ji (Tempel des goldenen Pavillon). Dieser goldene Tempel ist das Wahrzeichen von Kyoto schlechthin. Der Tempel steht in einem kleinen See und von einem liebevoll gepflegten Garten umgeben. Nach Kinkaku ji zum Ryoan ji, einen Zen Tempel, der berühmt ist für seinen Zen Garten: Auf ein flaches Kiesbeet sind 15 Steine angelegt, kein Grünzeug und kein Wasser. Jeder Besucher wird aufgefordert, für sich die Bedeutung dieser Steine und deren Anordnung zu erkennen.
Nach 30 Minuten erreiche ich Myoshin ji, der weniger ein Tempel als ein Tempelkomplex ist. Der Besucher kann beim Durchlaufen des Komplexes viele Tempel und Schreine bestaunen und, Myoshin ji gilt als Geheimtipp für Gartenfreunde; hier blühen alle möglichen Farben und Formen durch das ganze Jahr hindurch. Am späteren Nachmittag erreiche ich nach einer kurzen Zugfahrt den Fushimi Inari Schrein. Rund zwei Stunden dauert es, um den Weg, der durch einen Wald auf einem Berg führt und von unzähligen Shinto torii gesäumt ist, zu begehen. An diesem Tag traute ich mir diese Wanderung nicht zu, denn ich hatte Sandalen an und hatte sonst auch nichts dabei, und ausserdem war es zu heiss...

Am Sonntag wieder ein ruhiger Tag. Am Nachmittag habe ich den Kennin ji Tempel angeschaut, der älteste Zen Tempel in Kyoto. Dieser Tempel wurde um 1200 errichtet. Wie man sich denken kann, brannte auch der Kennin ji Tempel im Verlauf der Geschichte mehrmals ab und musste wieder aufgebaut werden. Der Besucher erlebt im inneren des Tempels eine ruhige Atmosphäre, viele kommen hierher um sich auszuruhen. Niemand wagt es, laut zu reden, um diese Atmosphäre nicht zu stören. Unterhaltsam ist auch der Film, der in einer Ecke gezeigt wird. Er zeigt das Leben einer Zen- Mönchsgemeinschaft, ihre Arbeit, die Meditation und die bescheidenen Mahlzeiten, die sie einnehmen. Morgens um 02:00 läutet der Abt die Glocke, und die Mönche versammeln sich für eine Meditation; Zazen: Meditation im Sitzen; in sich kehren, zur Mitte gehen; das eigene Ich erkennen und es schliesslich vergessen….dies einige Stichworte im Zusammenhang mit den Zen Buddhismus.

Die Reise geht zu Ende

Am Nachmittag des 27. August bin ich wieder in Tokyo angekommen. Für zwei Nächte weile ich im Ryokan Hon chome, wo ich bereits während des Kodokan summer course übernachtet habe. Am 29. August verlasse ich Tokyo, und gehe nach Narita in einem Hotel in der Nähe des Flughafens. Ja liebe Leserin, lieber Leser, meine Reise durch Japan neigt sich ihrem Ende zu. Am 30. August fliege ich mit einer JAL Maschine zuerst nach Paris und dann mit Air France nach Zürich.

Der nächste und gleichsam letzte Eintrag wird bereits eine Schlussfolgerung und ein Schlusswort sein.

Ich darf mich aber bereits jetzt bei meinen Lesern für das Interesse und das stetige Lesen meiner Einträge bedanken. Und ich möchte mich bei ICN Travel, Masaki Negishi und Fritz Sommer, für die professionell organisierte Reise und für die sehr gute persönliche und individuelle Betreuung vor und während der Reise herzlichst bedanken! Alles hat einwandfrei geklappt!

Ich grüsse Euch alle…und freue mich auf ein schönes Wiedersehen mit Euch Allen!

Martin Bundi, aus Tokyo, 27.08.2007

#Martin Bundi | 29.08.2007 00:09

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